Der Tod begleitet mich

Aus einer banalen Handlung wird mehr, wenn sie beginnt Symbolisch zu werde.

Zu Beginn war es nur das Abholen meiner Freundin (dieses war 1995) von ihrer Arbeits- und Wirkungsstätte. Sie arbeitete im Altenheim und war eigentlich immer gegen 16:00 mit der Arbeit fertig. Wenn man in der Ausbildung noch ist, steht es auf irgend so einem Zettel. Aber wer hält sich denn an so was?
Deshalb versuchte ich meinem Warten etwas Sinn zu geben und begann für meine Kunstmappe, einige alte Menschen zu zeichnen. Gesichter die so viele Falten und Narben zeigten, das die Kohle über das Blatt ging, ohne zu verschmieren.
Aus der anfänglichen Not wurde eine Regelmäßigkeit. Ich ging eine Stunde eher schon hin und das immer Dienstags und Donnerstags. Dieses blieb auch, nachdem wir uns trennten. Zu beginn, kamen sie an und wollten mir zusehen, wie ich male. Daraus wurden die Geschichten ihres Lebens und gingen zum Schluss auch zu den normalen Dingen über. Manchmal kam ich mir vor wie ein Fernsehprogramm. Wer laufen konnte, kam aus den Zimmern heraus und beobachtete das Ereignis. Nichts deutete darauf hin, dass es sich jemals ändern könnte.

Der Herbst hatte die kleine Stadt in seine Fänge genommen, der Wind wollte mich hindern vor die Tür zu gehen und die Befürchtung lag in der Luft, es könnte Regen geben. Es war Dienstag und für meine Ausstellung hätte ich nach Essen fahren müssen, aber ich wollte nicht. Im Altenheim angekommen, begrüßte mich eine Frau, die sich sonst nie zeigte. Ihre Haare waren wirr durcheinander und ihren Augen konnte ich einen Grad der Erleichterung erkennen, obwohl sie noch nichts gesagt, oder gar getan hatte. „schnell, schnell“ viele Worte ließ sie nicht aus ihrem Mund. Sie war mit ihren gut 60 die jüngste auf dem ganzen Flur und als ich nah genug war, zog sie mich an der Hand. Mit immer wieder heftigen Rucken versuchte sie meine Geschwindigkeit zu erhöhen, aber ich verstand nicht.
„Er will dich noch mal sehn!“ Wer möchte mich sehen und warum?
Erst als ich das Zimmer erreichte und Heinrich sah, erkannte ich ihr Anliegen. Ich drehte mich noch einmal um und sah die Frau die eben noch bei mir war, auf einem Stuhl sitzend und immer wieder hin und her wippend. Sie war die Person, die sonst immer hinter dem Baum saß. Die Schwestern hatten mir nicht glauben wollen, dass diese Frau irgendetwas machte, ohne geführt zu werden. Sie war eine Trauma-Patientin mit einer immer stärker werdenden Entfremdung. Sie erkannte kaum noch ihre eigene Tochter. Nur in dieser Situation?
Heinrich ist schon über 90 gewesen, Verwandte hatte er schon lange nicht mehr, bis auf den Bruder in Amerika, aber der war selber zu alt um noch wirklich zu reisen.
Er lag nur noch in seinem Bett. Dann erkannte er mich, wie ich neben dem Bett stand und dann „du hast dir aber Zeit gelassen“, danach wurde das Gesicht wieder weiß und leer. Wie so häufig begann ich mich auf ihn zu konzentrieren und etwas Farbe kehrte wieder ins Gesicht zurück. „Das Wochenende war so lang, der Pastor war schon Sonntag gekommen, aber da“, er musste sich deutlich sammeln. „Da konnte und wollte ich noch nicht gehen.“ Der Druck mit seiner Hand wurde spürbar stärker. „Du hättest doch spüren müssen, dass ich nicht mehr will“. Ein leichtes Lächeln breitete sich aus. „Wenn du so weiter machst, kann ich morgen wieder Laufen.“
Im Türrahmen versammelten sich nun die ersten Alten Menschen, doch die Schwestern versuchten sie auf die Zimmer zu verteilen, was nicht wirklich klappen sollte.
Dann sah er mich noch einmal an und mit einem Lächeln schlief er sanft ein. Wie als hätte jemand einen Fernseher ausgemacht, begannen sie wieder zu reden, oder wirr in der Gegend umherzulaufen, für einen kleinen Augenblick war alles ruhig.

Die Frau hinter dem Baum lächelte mich noch einmal an, als ich an ihr vorbei ging, andere nahmen mich nicht mehr wahr. Als hätte der ganz normale Alltag diese Räume wieder erreicht. Die Schwester schüttelte nur durch den Flur und suchte nach einer Erklärung, nach einem Gedanken, oder einfach … .
Viele Wochen später kam die Frau hinter dem Baum wieder auf mich zu. „Heinrich hatte einen schönen Tod.“ Dann setzte sie sich wieder und sprach nicht mehr.
Es war wieder einer dieser Tage, die mit Aufstehen begannen und dann nicht enden wollten.

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