Der Weg zu meinem ersten Baum

Einen Weg finden, der um einen Baum herum führt, sollte kein wirkliches Problem darstellen. Doch wenn man im Wald steht, dann zeigt sich das Problem, es ist die Frage, welcher Baum soll es sein?

Kaum ein Jahr verging, ohne darüber nach zu denken, wie ich meiner Welt mich nähern kann. Mit fünf Jahren versuchte ich, die Bäume nach dem Geruch zu unterscheiden, eigentlich keine schlechte Idee, wenn da nicht die Größe wäre und die Problematik, dass ich in einer Großstadt aufwuchs. Die Bäume rochen irgendwie alle gleich, kaum konnte ich mich von dem einen trennen, spürte ich im Nacken den nächsten Brutus, Rex oder was immer ihr Name war. Sie waren auch noch größer als ich, aber gegen dieses umarmen von mir, hatten sie keine Waffen. Haben Bäume nicht auch einen eigenen Geruch, oder riechen sie alle nach den Beigaben? Es war der Ort, der dann in den Vordergrund kam. Wo würden sie nicht hingehen wollen? Welcher Baum bekommt keinen Hund ab?
Die Erkenntnisse waren schmerzhaft, muss ich wirklich zugeben, aber damals konnte ich mir nicht vorstellen, warum bestimmte Bäume gemieden werden, also musste ich an ihnen riechen. Es hätte mir aber ruhig jemand vorher sagen können, dass die Haufen mit den Nadeln und Erde an einigen Bäumen Bewohner haben und auch noch welche die sich übelst gegen alles zur Wehr setzen, was sich nur lange genug aufhellt.
Den Geruch konnte ich nicht finden, die Armeisen hinderten mich auch bei späteren Versuchen. Auch der Winter ließ sie nicht schlafen, außerdem war der Geruch im Winter eh ein anderer. Die Hunde wollten im Winter gar nicht jeden Baum haben, vielen reichte es aus, einmal kurz du dann wieder rein.
Weicheier waren das. Ich bin kleiner als ihr und es ist kalt. Und ich warte hier Stunden lang, bis ich verstehe, warum sie etwas machen, oder es auch bleiben lassen.
Kurz bevor ich in die Schule kam, hatte ich dann die Idee. Wenn ich diese Sprühflasche nehme, um die Blumen nass zu machen und dann da aus der Küche diese Flüssigkeit rein mache, die so übelst beißt in der Nase und damit die Bäume ansprühe, dann bekommen die vielleicht ihren alten Geruch zurück? Gesagt getan.

Gummistiefel aus, ab in die Küche und an den Schrank unter der Spüle. Wasser raus aus der Flasche, den beißenden Kram hinein und Wasser in die andere Flasche nachfüllen, darf doch nicht auffallen, das ich was da raus genommen habe. Und ab zu den Bäumen mit den meisten Hunden. Ein komischer Opa hält seinen Stock hoch, als wolle er schlagen, aber wen nur, vor mir ist keiner und hinter mir nur dieser Opa?! Es hat wohl oder übel etwas damit zu tun, dass ich den Hund beim Pinkeln angesprüht hatte. Der Hund wollte von mir weg und der Opa zu mir hin. Keine Ahnung, ich muss mein großes Geruchsexperiment weiter machen. Alle Bäume bekamen nun meine Duftmarke. Und die Hunde waren aus der Straße verschwunden. Sie jaulten schon bei dem Gedanken, hier lang gehen zu müssen. Aber die Bäume wollten immer noch nicht riechen.

Die Einschulung kam meinem weiteren Streben in die Quere. Und eine große Erkenntnis macht sich breit, Schule ist so etwas von Langweilig. Wenn ich aus dem Fenster den grünen Rasen beobachtete, dann hüpften ein paar Kaninchen umher, ein paar Raaben und noch so manches andere, aber diese schöne Ruhe wurde immer wieder durch so eine alte Frau unterbrochen. Die wollte immer, dass ich genau das male, wozu sie gerade Lust hat. Mich hatte keiner gefragt. Kringel und Kreise mussten auf so Linien, heute weiß ich, es waren meine Versuche mit den Buchstaben, damals war es wirres Zeug. Aber dieser Blick hatte auch sein gutes, ich hatte die ganze Zeit eine Eiche im Blickpunkt. Vor Jahren hatte der Blitz ihn einmal in der Mitte gespalten, einfach so. Und beide Hälften lebten einfach weiter. Wenn mich ein Blitz trifft und mich teilt, lebe ich dann auch in zwei Hälften weiter? Aber ich sollte das erst an jemandem anderen Testen, denn was wäre wenn nicht? Ein Typ kommt in meiner ersten Hofpause auf mich zu und meint, er will mein Bodyguard sein, fünf Minuten später, kam einer an, der mir Schläge androhte, worauf hin die beiden sich Prügelten. Mein später bester Freund, hatte den anderen als Bodyguard und die beiden suchten einfach immer nur einen Grund um sich zu schlagen. Die ganze Grundschulzeit ging das so, immer der eine auf den anderen, oder eben genau umgekehrt.
Später (viele Jahre waren vergangen) wurde mir berichtet, dass das nun die besten Freunde sind. Einer von ihnen ist heute ein Pfleger, aber das wäre eine ganz andere Geschichte.

An meinen Baum kam ich nicht wirklich heran, denn er war ja im Innenhof und zu diesem schönen Teil der Schule hatten nur die Lehrer einen Zugang. Um ihre Zigaretten zu rauchen und um über uns zu reden. Ich musste warten, bis ich in die 6. Klasse kam. Die Grundschule war schon vorbei, aber aus unserer damaligen Schule, war ein Altenheim geworden, unsere Klassenlehrerin war auch gleich mit unter den Ersten die hier einzogen, außer dem Gebäude hatte sie ja niemanden mehr.

Aber nun kam ich an meinen Baum.

Kein Hund hatte gegen ihn gepullert, oder noch schlimmeres gemacht, was den Geruch hätte verändern können. Es war nur einfach ein schöner Geruch, von einem (ähm), oder zwei Bäumen. Dieser Geruch war unverwechselbar. Doch auf der anderen Seite war er auch wieder verloren, denn meine damalige Lehrerin fand auch, dass es ein schöner Baum sei, und rauchte weiter ihre Zigaretten an diesem Ort.

Meinen eigenen Baum fand ich fast 10 Jahre später durch einen Zufall. Ein alter Baum in der Nähe vom Deich, der Nebel hatte ihn damals bei meinem ersten Besuch umhüllt und irgendwie sah es so aus, als würde eine alte Frau ihn bewachen.

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